Gegenstand des Faches
Die vor- und frühgeschichtliche Archäologie (im folgenden auch: Vor- und Frühgeschichte) ist eine historisch arbeitende Kulturwissenschaft. Ausgehend von den materiellen Hinterlassenschaften (Funde und Befunde) erforscht sie Umwelt, Wirtschaft und soziale Organisationsformen der frühen Menschheit ebenso wie Kunst, Brauchtum und Religion, soweit jene einen materiellen Niederschlag finden. Ihr Ziel ist somit die Analyse und Rekonstruktion kulturgeschichtlicher Zusammenhänge und Entwicklungsprozesse über den zeitlichen-räumlichen Rahmen schiftlicher Überlieferung hinaus. Die Vor- und Frühgeschichte beginnt mit dem Auftreten des Menschen und endet zeitlich und räumlich dort, wo neben den Bodenfunden in erheblichem Umfang schriftliche Quellen treten.
Zeitliche Abgrenzung des Faches
Zeitlich umfaßt die Vorgeschichte die Epochen der Alt-, Mittel- und Jungsteinzeit (Paläo-, Meso- und Neolithikum), der Kupferzeit (Äneolithikum bzw. Chalkolithikum) sowie der Bronze- und der Eisenzeit. Die Erforschung der Altsteinzeit (Paläolithikum, ca. 3.000.000-10.000 v. Chr.) nimmt hierbei eine Sonderstellung ein, da sie sich infolge der engen Verflechtung mit den Naturwissenschaften (insbesondere Paläoanthropologie und Quartärgeologie) zu einer eigenen Disziplin entwickelt hat.
Die Frühgeschichte Mitteleuropas umfaßt den Zeitraum von der Spätantike bis zum Beginn des Hochmittelalters unter Heranziehung vornehmlich archäologischer, aber auch historischer Quellen. Außerhalb Mitteleuropas ist die Abgrenzung zwischen Vor- und Frühgeschichte traditionell durch das Einsetzen schriftlicher Überlieferung gegeben, wobei je nach Kulturraum entsprechende zeitliche Unterschiede zu Mitteleuropa bestehen.
Räumliche Abgrenzung
Geographisch wird die Vor- und Frühgeschichte, obgleich prinzipiell nicht räumlich beschränkt, zumeist auf Europa bezogen, wobei auch die angrenzenden Räume West- und Zentralasiens sowie Nordafrikas zu berücksichtigen sind. In den meisten vorgeschichtlichen Epochen kommt den kulturellen Gegebenheiten und Entwicklungen Südosteuropas und des östlichen Mittelmeerraumes eine besondere Bedeutung für das Verständnis der Archäologie Mittel-, Nord- und Westeuropas zu, da die erstgenannten Regionen vielfach eine Mittlerfunktion zu den frühen Innovationszentren Klein- und Vorderasiens und ihren späteren Hochkulturen einnehmen.
Methodische Abgrenzung des Fachgebietes
Da die Quellen der Vor- und Frühgeschichte ausschließlich oder überwiegend gegenständlicher Natur sind (Bodendenkmäler und Fundobjekte), unterscheiden sich ihre Methoden von jenen der historischen Fächer im engeren Sinne. Im wesentlichen umfassen sie Methoden der Feldforschung (Prospektion, Ausgrabung), Methoden der Analyse von Funden und Befunden (Klassifikation, relative und absolute Altersbestimmung, räumliche Verbreitung, Material- und Herkunftsbestimmung, Analysen von Funktionen und Technologie), archäoökologische Methoden in interdisziplinärer Zusammenarbeit mit Bio- und Geowissenschaften sowie schließlich Methoden der Interpretation und Rekonstruktion kulturgeschichtlicher Verhältnisse und Prozesse (Experiment, historische/ethnologische Analogie, Modellbildung und Verifikation).
Stellung innerhalb der archäolgischen Disziplinen
Die Vor- und Frühgeschichte ist ein Teil der Archäologie, die sich - nach vor allem zeitlichen und geographischen Kriterien - in verschiedene Fachgebiete gliedert. Teilweise existieren diese auch als eigene Studienfächer, allerdings sind nicht alle in Würzburg vertreten. Einen Überblick über die wichtigsten archäologischen Fächer und ihre Vertretung an deutschen Universitäten gibt die nachfolgende Tabelle.
Fachgebiet | eigenständiges Studienfach ? | in Würzburg vertreten | an anderen Universitäten |
Vor- und Frühgeschichte / | ja | ja | an 27 deutschen Universitäten |
Klassische Archäologie | ja | ja | an den meisten deutschen |
Provinzialrömische | ja (teils im Rahmen der VFG / KA) | nein | Frankfurt/M., Freiburg, Köln, |
Vorderasiatische | ja (teils im Rahmen der Altorientalistik) | nein *) | Berlin, Frankfurt, Freiburg, Heidelberg, Konstanz, Mainz, München, Münster, Tübingen |
Archäologie des Mittelalters | nur in Bamberg, sonst innerhalb VFG | nein | Berlin (Humboldt), Bamberg, Tübingen (auch: Frankfurt, Freiburg, Kiel, Münster) |
Christliche Archäologie / | Byzantinistik / byz. Kunstgeschichte | nein | u.a. Heidelberg, Mainz |
Altamerikanische | nein, Bestandteil der Altamerikanistik | nein | u.a. Berlin, Bonn |
Archäologie Ägyptens | nein, Bestandteil der Ägyptologie | ja (Ägyptologie) | |
Archäologie Chinas | nein, Bestandteil der Sinologie | ja (Sinologie) **) | |
Archäometrie (naturwiss. | nein | ja | Aufbaustudium |
*) Veranstaltungen zur Vorderasiatischen Archäologie im Rahmen der Altorientalistik
**) Veranstaltungen zur Archäologie Chinas im Rahmen der Vor- und Frühgeschichte
Abgrenzungen zwischen den archäologischen Teildisziplinen bestehen nicht nur in zeitlicher und räumlischer Weise, sondern teils auch in methodischer Hinsicht. Je nach Fachrichtung treten dabei praxisorientierte (Ausgrabungstechnik), naturwissenschaftliche, kunstwissenschaftliche oder philologisch-historische Methoden stärken in den Vordergrund.
Studienziele und spezifische Schwerpunkte
Das Studium soll neben profunder Kenntnis des Fundstoffes Vertrautheit mit den Methoden der Vor- und Frühgeschichte in Theorie und Praxis vermitteln und den Studierenden in die Lage versetzen, wissenschaftliche Fragestellungen zu entwickeln, Belange der Archäologie in der Verwaltungspraxis verantwortlich zu vertreten sowie Themen und Erkennntisse der Vor- und Frühgeschichte einer interessierten Öffentlichkeit nahezubringen.
Der gegenständliche Charakter vor- und frühgeschichtlicher Quellen und die Notwendigkeit des visuellen Erfassens und Vergleichens verleihen Exkursionen zu Museen und Geländedenkmälern einen besonderen Stellenwert innerhalb des Studiums der Vor- und Frühgeschichte. Ebenso erfordern die Berufsfelder die Vermittlung praktischer Fähigkeiten und Kenntnisse innerhalb des Studiums in Form von Gelände- (Ausgrabung, Prospektion) und Museumspraktika.
Im Rahmen des Magisterstudiums der Vor- und Frühgeschichte wird überblickhafte Kenntnisvermittlung durch exemplarisch vertiefende Lehrveranstaltungen ergänzt. Die geographische und zeitliche Breite des Faches macht darüberhinaus eine Abrundung und Vertiefung des Lehrstoffes durch intensives Eigenstudium notwendig. Die Fähigkeit zu derart selbständigem und kritischem Arbeiten zu entwickeln, ist ein wesentlicher Inhalt des Studiums im Hauptfach.
Die große Breite des Faches hat in der Praxis dazu geführt, daß an den Universitätsinstituten in der Forschung und meist auch in der Lehre Schwerpunkte chronologischer oder geographischer Art bestehen. Am Würzburger Lehrstuhl steht in der Lehre die jüngere europäische Vorgeschichte (ca. 7.-1.Jahrtausend v.Chr.) im Vordergrund.
In der Forschung liegt der Akzent insbesondere auf siedlungsarchäologische Fragestellungen, wobei ein Schwerpunkt im Neolithikum Mittel- und Südosteuropas besteht.
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