Pressespiegel - Meldung

Was Knochen erzählen und was nicht


Massaker von Talheim: Der Schädel eines der Opfer zeigt eindeutige Spuren von Gewalt

Aug in Aug: Familiengrab von Eulau

Mord und Totschlag: War es Krieg? Eine Kulthandlung? Ein Unglücksfall? Die Würzburger Archäologin Heidi Peter-Röcher erforscht anhand von zum Teil jahrtausendealten Skelettfunden die Anzeichen und die Ursprünge von Gewalt.

Von Redaktionsmitglied CHRISTINE JESKE

Gab es bereits in der Steinzeit Krieg? Bei dieser Frage schüttelt Heidi Peter-Röcher, Professorin am Lehrstuhl für Vor- und Frühge­schichtliche Archäologie der Universität Würzburg, den Kopf. Was ist mit den Kno­chenfunden von Talheim, HerxheimoderEu-lau? Sie wurden bei ihrer Entdeckung jeweils plakativ sogar als Beweis für ein Massaker an­gesehen. Für einige Forscher wiesen die Spu­ren im Massengrab von Herxheim zudem auf Kannibalismus hin. Heidi Peter-Röcher ärgert sich über die ihrer Meinung nach vorschnel­len Behauptungen. Sie dienten nur der Sensa­tionsgier. Die Archäologin arbeitet unaufge­regter, interpretiert vorsichtiger. Sie schaut sich die menschlichen Überreste erst mal ge­nau an, differenziert, vergleicht, sucht nach wissenschaftlich haltbaren Argumenten.

Sicher, Mord und Totschlag, generell Ab­gründe der menschlichen Natur, ziehen stets die Aufmerksamkeit auf sich, egal, ob sie vor Jahrtausenden geschehen sind oder in der Gegenwart. Und Kannibalismus wirkt so exotisch, dass ohnehin die Faszination die Abscheu überwiegt.

Weder für den oft zitierten „Krieg im Neoli­thikum" noch für den Kannibalismus gebe es Hinweise, sagt Peter-Röcher. Seit Jahren sind das ihre bevorzugten Themen, ebenso Sozial­strukturen und Konfliktlösungsstrategien. Gemeinsam mit ihrem Kollegen Dr. Thomas Link lädt sie vom 14. bis 16. März für die inter­nationale Tagung „Gewalt und Gesellschaft" Wissenschaftler nach Würzburg und freut sich, dass das Symposium von der Volkswa­genstiftung gefördert wird. „Ohne finanzielle Unterstützung sind solche wichtigen For­schungsvorhaben kaum mehr möglich."

Auch bei den Definitionen für Gewalt, Konflikt, Krieg, kriegerische Auseinanderset­zung, oder Fehde haben Anthropologen, So­ziologen, Psychologen, Philosophen oder Politologen oft andere Ansichten. Ebenso da­rüber, was die Ursachen von Gewalt sind. Vom „Krieg im Neolithikum" spricht die Fachwelt, seit der australische Prähistoriker Vere Gordon Childe 1936 die Bezeichnung „Neolithische Revolution" prägte, eine Kurz­formel für die grundlegenden Veränderun­gen in der Lebensweise der Jäger- und Samm­ler. Vor 10 000 Jahren begannen in Vorder­asien und vor 7700 Jahren in Mitteleuropa die Menschen sesshaft zu werden. Land wur­de in Besitz genommen, Häuser gebaut, Nachbarschaften entstanden. Dies führte zu Rivalitäten und zu Auseinandersetzungen.

So lautet, vereinfacht gesagt, die Begründung dafür, wie der Krieg in die Welt kam.

Wie war es bei Talheim? Das Massaker aus der Jungsteinzeit kam vor fast genau 30 Jah­ren ans Licht, als der Besitzer eines Aussied­lerhofes in seinem Garten ein Frühbeet ver­tiefen wollte. Nur wenige Zentimeter unter der Erdoberfläche stieß er auf einen Kiefer­knochen. Heute ist klar: 34 Menschen, da­runter 16 Kinder und Jugendliche, wurden meist hinterrücks mit Schlägen auf den Kopf getötet. In einigen Knochen stecken noch Steinpfeile. Das jüngste Kind war zwei bis drei, das älteste Opfer circa 60 Jahre alt.

Die Gebeine in dem Massengrab aus der bandkeramischen Kultur (5500 bis 4900 vor Christus) lagen kreuz und quer übereinan­der. Der Tathergang lässt sich nicht mehr in allen Einzelheiten nachvollziehen. Dennoch gibt es laut Heidi Peter-Röcher Indizien da­für, dass es sich bei Talheim um einen Über­fall auf eine Siedlungsgemeinschaft handelt. Die Täter erschlugen ihre Opfer überwiegend von hinten - im Schlaf oder auf der Flucht, denn an den Unterarmknochen fehlen typi­sche Abwehrspuren. Zudem wurde an den Knochen kein Tierverbiss entdeckt. Deshalb ist die lieblose Bestattung unmittelbar oder kurze Zeit nach der Tat erfolgt, vielleicht von den Tätern selbst.

Ein Beispiel von organisierter Gewalt mit vielen Toten macht jedoch noch keinen Krieg. Dieser sei erst für hierarchische Gesellschaf­ten charakteristisch, also für einen Staat, bei dem ein Herrscher die Macht und die Befehls­gewalt über eine Truppe von Kriegern oder Söldnern ausübt. Diese Strukturen tauchen je­doch laut der Würzburger Professorin in Mitteleuropa erst ab der Bronzezeit auf: vor et­wa 3500 Jahren. „Staaten können erobern, in die Sklaverei führen und ihre Untertanen be­herrschen. Aber dieser Apparat musste sich erst mal entwickeln", sagt Heidi Peter-Röcher, „ebenso die Ideologie, die dahintersteckt." Deshalb widerspricht sie, wenn es heißt: „Der Mensch war schon immer gierig, wollte Beute machen, und wenn er nichts hatte, ist er zum Nachbarn gegangen und hat ihn umgebracht, um an seine Vorräte zu kommen." Das würde nur einmal funktionieren - dann wäre es mit der Nachbarschaft vorbei. Und wäre der Mensch tatsächlich nur so veranlagt, dann ge­be es ihn heute nicht mehr. Die Würzburger Forscherin will damit nicht andeuten, dass der Homo sapiens überwiegend friedliebend ist. „Er ist alles zugleich, brutal, egoistisch, alt­ruistisch. Wie er sich verhält, das liegt an den gesellschaftlichen Strukturen, in denen er lebt."

Da heutige Gesellschaften nicht den dama­ligen entsprechen, ist bei der Beurteilung weit zurückliegender zwischenmenschlicher Ge­waltakte der Blick über den wissenschaftli­chen Tellerrand hilfreich. Auch Ethnologen können ihren Teil dazu beitragen, die Frage zu klären, wie Gesellschaften funktionieren. Heidi Peter-Röcher arbeitet interdisziplinär und sagt: „Das Töten war nie einfach, son­dern unterlag meist komplizierten Ritualen. Es wurden viele Mechanismen erfunden, die verhindern sollten, dass sich Menschen gegenseitig massakrieren."

Immer wieder unterlag die Vernunft jedoch dem Gefühl - wie bei Talheim. Dort handelt es sich Peter-Röchers Ausführungen zufolge nicht um Krieg, sondern um eine brutal aus­getragene, persönlich motivierte Fehde. Wo­möglich drehte sie sich um verletzte Ehre. Eine Strontium-Isotopen-Analyse der Zähne ergab, dass einige Frauen - im Gegensatz zu den übrigen Opfern - nicht in Talheim aufge­wachsen sind. Wurde sie einst vom Talheimer Clan geraubt? War es Rache? Die wahren Hin­tergründe werden wohl im Dunkeln bleiben.

 

 

Von Kannibalen in der Jungfernhöhle und einer Familientragödie
Unterschiedliche Interpretationen von Knochenfunden aus der Zeit der Neandertaler bis ins späte Neolithikum

"Cold Cases", ungeklärte Kriminalfälle, gibt es nicht nur in der Gegenwart. Auch die Archäologie sucht - lange nach dem Auffin­den der sterblichen Überreste - nach neuen Indizien und bedient sich dabei ebenfalls modernster forensischer Methoden, um die Todesumstände von Menschen zu ergrün­den. Allerdings haben diese vor Jahrtausen­den gelebt. Einige berühmte Beispiele:

Krapina

Im Norden Kroatiens liegt der Hügel Hus-njak. Auf diesen stieg 1899 der Archäologe Dagutin Gorjanovic-Kramberger. Unter einem Felsüberhang stieß er auf 130000 Jahre alte Knochenteile und Zähne. Erst we­nige Jahre zuvor, 1856, tauchte bei Mett­mann der erste Neandertaler auf. Kramberger grub die Überreste von etwa 70 Frühmen­schen aus der Altsteinzeit aus. Erklärungen reichten von Krieg bis Kannibalismus, denn die Knochen zeigten Spuren von Gewaltein­wirkung. Brandspuren und aufgeschlagene Knochenenden festigten die Ansicht: Hier waren Menschenfresser am Werk. Nicht so für Heidi Peter-Röcher, Professorin am Würz­burger Lehrstuhl für Vor- und Frühgeschicht­liche Archäologie. „Die Zerstörungen der

Knochen gehen auf natürliche Ursachen zu­rück - vor allem auf das Dynamit, mit dem sie ausgegraben wurden." Zwar würden die Schnitt- und Schabespuren auf den Knochen auf eine Entfleischung hinweisen, aber nicht zwingend auf Kannibalismus, so Peter-Rö­cher, eher auf ein in der Altsteinzeit übliches Totenritual. Die gesäuberten Knochen der Verstorbenen seien einige Zeit aufbewahrt und dann in einer eigenen Zeremonie end­gültig an diesem Ort abgelegt oder vergraben worden.

Jungfernhöhle bei Tiefenellern

Auch in der Nähe von Bamberg wiesen die in den 1950er Jahren entdeckten zerbrochenen Knochen aus der frühen Jungsteinzeit unter dem Eingang der Jungfernhöhle bei Tiefenel-lern zunächst auf Kannibalismus hin. Es fand sich aber laut Peter-Röcher „trotz inten­siver Suche keine durch den Menschen ver­ursachte Spur, sondern nur Tierverbiss". Ihre Interpretation der über 7000 Jahre alten Be­funde: Die Toten wurden einige Zeit woan­ders deponiert und ihre Skelette dann in der Höhle endgültig bestattet. Die Knochenbrü­che können auch durch herabfallende Steine entstanden sein.

Herxheim

Seit 1995 geistert dieses Beispiel für angebli­chen Kannibalismus durch die Welt der Archäologie. In Herxheim im pfälzischen Landau wurden rund 7000 Jahre alte Skelett­reste von mindestens 500 Männern, Frauen und Kindern entdeckt. Die Knochen waren zerhackt, die Schädel gesäubert und die Schä­delkalotten bearbeitet. Neben Kannibalis­mus war wieder von einem Massaker die Re­de - aber auch von einer mehrstufigen Be­stattungsweise. Durchgesetzt hat sich heute die Ansicht, dass es sich in Herxheim um einen bedeutenden überregionalen vorzeitli­chen Kultplatz handelt, zu dem die Men­schen zum Teil aus großen Entfernungen an­gereist sind, um die Knochen ihrer Angehö­rigen zu bestatten. Hinweise dafür sind die Reste qualitätvoller Keramiken, die zwischen den Knochen gefunden wurden.

Eulau

Berühmt ist auch das 2005 entdeckte Gräberfeld von Eulau bei Naumburg. Die vom Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt in Auftrag gegebenen Laboruntersuchungen ergaben, dass die 13, rund 4500 Jahre alten Toten aus der Schnurkeramik-Kultur zum Teil miteinander verwandt waren. An einigen Knochen sind Hieb- und Schusswunden zu erkennen. Besonders ein Grab steht im Fokus: Mutter und Tochter sowieVaterundSohnwurdeneinanderzugewandt und eng aneinander geschmiegt bestattet. Die in dieser Zeit übliche Ausrichtung der Toten (die Männer nach Westen, die FrauennachOstenundjeweilsmitBlickrichtung nach Süden) wurde dabei außer Acht gelassen. Laut Heidi Peter-Röcher könnte die Familie auch bei einem Unglück getötet worden sein. „Weichteilverletzungen sind an den Knochen nicht erkennbar, und nicht jeder Knochenbruch stammt von einem Hieb." Endgültige Aussagen seien (noch) nicht möglich, auch, weil die Skelette im Block geborgen wurden. „Die Unterseite wurde nicht untersucht", so Peter-Röcher. Der Blockwird im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle präsentiert.

MAIN-POST GESCHICHTE Samstag, 09. März 2013

10.04.2013, 11:16 Uhr