Intern
    Lehrstuhl für Vor- und Frühgeschichtliche Archäologie

    DFG-Forschungsprojekt

    Prähistorische Mensch-Umwelt-Beziehungen im Gipskarst der Windsheimer Bucht, Nordbayern

    Dolinen als Archive für Siedlungs- und Landschaftsentwicklung

     

    Gipskarstarchäologie in Franken

    Mit den Geländehohlformen des westfränkischen Gipskarstes ist seit wenigen Jahrzehnten eine eigenständige Denkmalkategorie ins Blickfeld der Vorgeschichtsforschung in Süddeutschland getreten.

    Erstmalig wurde ein vorgeschichtlicher Fund aus einer natürlich entstanden Spalte im Gipsgestein eines fränkischen Steinbruchs 1936 gemeldet. In den folgenden Jahrzehnten gingen weitere Fundmeldungen ein und es wurden auch kleinere Notgrabungen durch amtliche oder ehrenamtliche Mitarbeiter des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege (BLfD) vorgenommen. Eine erste systematische Untersuchung eines „Dolinenkomplexes“ erfolgte 1990 in der Windsheimer Bucht.  Danach fanden sporadisch weitere Ausgrabungen statt und seit 2001 werden nun fast jährlich, meist mehrmonatige Sicherungsgrabungen in den Gipstagebauen der Windsheimer Bucht durchgeführt. Sie wurden und werden dabei intensiv durch die Nürnberger Außenstelle des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege betreut, begleitet und zum Teil auch selbst ausgeführt. Seit Beginn der 1990er Jahre hat sich besonders Martin Nadler, erst als Mitarbeiter und dann als Leiter des BLfD Nürnberg eingehender mit diesen Fundstellen beschäftigt und mehrere Vorberichte veröffentlicht.

    Diese im Laufe der Zeit immer besser dokumentierten „Dolinenbefunde“ der Windsheimer Bucht liefern außergewöhnliche Erkenntnisse über die Siedlungsgeschichte der Region. Gipskarstdolinen in unterschiedlichen Entstehungs- und Verfüllungsstadien wurden in vorgeschichtlicher Zeit immer wieder vom Menschen aufgesucht, ohne dass deren Funktion im Rahmen der Raumnutzung bisher grundlegend analysiert werden konnte.

    Mehr....

    Das Projekt

    Das übergeordnete Ziel des Forschungsvorhabens besteht darin, in einem interdisziplinären Ansatz die Mensch-Umwelt-Beziehungen in der ‚Siedlungskammer‘ der Windsheimer Bucht vom frühen Neolithikum bis zu den jüngeren Metallzeiten zu rekonstruieren. Die bisher als siedlungsungünstig geltende und zur Altsiedellandschaft der fränkischen Gäuflächen marginal gelegene Gipskeuperlandschaft wurde nach geltender Meinung nur temporär besiedelt. Das Projekt soll die aus den Stratigraphien von Dolinen erschließbare tatsächliche anthropogene Begehung und Landnutzung in ihrer Beziehung zum natürlichen Umweltgeschehen darstellen. Auf diese Weise sollen für verschiedene prähistorische Perioden modellhafte Vorstellungen von der Landschafts- und Siedlungsentwicklung gewonnen werden.

    Ein weiteres grundlegendes Ziel ist die Erforschung der natürlichen und anthropogen beeinflussten Verfüllungsprozesse von Dolinen im Rahmen der Landnutzung und Umweltentwicklung. Die Untersuchungen finden in einem Arbeitsgebiet von rund 68 km² Fläche statt, welches als Referenzfläche für die unterschiedlichen Landschaftstypen der Windsheimer Bucht steht. Das räumliche Konzept umfasst drei miteinander vernetzte Landschaftskompartimente: die Gipskarst-Hohlformen bei Marktbergel, Hänge, Kuppen und Tallagen mit flächiger archäologischer Befundsituation sowie ein heute verlandetes Seebecken bei Burgbernheim-Schwebheim.

    Das Projektvorhaben besteht aus einem archäologischen, einem bodengeographischen und einem gemeinschaftlichen archäologisch-bodengeographischen Teil. Die Zielsetzung des archäologischen Forschungsfeldes besteht in der Rekonstruktion der diachronen Besiedlung und Nutzung der Gipskarstlandschaft der Windsheimer Bucht anhand der Fundplätze des Arbeitsgebietes sowie der Interpretation der jeweiligen Funktion der Dolinen. Daneben liegt der Focus auf der Rekonstruktion der natürlichen Umweltbedingungen vor menschlichen Eingriffen sowie auf der Bemessung der anthropogenen Boden- und Landschaftsveränderungen. Als ein Hauptziel des interdisziplinären Ansatzes werden nachweisbare Bilder der Paläotopographie rekonstruiert und in Bezug zur vorgeschichtlichen Landschaftsnutzung gestellt. Damit wird es erstmals für den nordbayerischen Raum möglich sein, eine 5000jährige Abfolge von Besiedlung und Siedlungslücken in direkten Kontext zur landschaftsgeschichtlichen Entwicklung zu setzen.

    Ansprechpartner

    Prof. Dr. Frank Falkenstein

    Lehrstuhl für Vor- und Frühgeschichtliche Archäologie

    Institut für Altertumswissenschaften

    Julius-Maximilians-Universität Würzburg

    Residenzplatz 2

    97070 Würzburg

    frank.falkenstein@uni-wuerzburg.de

    Prof. Dr. Birgit Terhorst

    Professur für Physische Geographie und Bodenkunde

    Institut für Geographie und Geologie

    Julius-Maximilians-Universität Würzburg

    Am Hubland

    97074 Würzburg

    birgit.terhorst@uni-wuerzburg.de

    Martin Nadler M.A.

    Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege

    Abteilung Bodendenkmalpflege

    Dienststelle Nürnberg

    Burg 4

    90403 Nürnberg

    Martin.Nadler@blfd.bayern.de

     

    Mitarbeiter

    Rita Beigel M.A.

    Martin Krech, Dipl. Geogr.

    Dr. Tobias Sprafke

    Simon Meyer-Heintze

    Felix Wagner

    David Berthel

    Franziska Stöckinger

    Lisa-Maria Rösch

     

    Kooperationspartner

    Dr. Christoph Herbig, Archäobotanik

    Dr. Ursula Maier, Archäobotanik

    PD Dr. Kerstin Pasda, Archäozoologie

    Prof. Dr. Ulrich Schüßler, Lehrstuhl für Geodynamik und Geomaterialforschung, Institut für Geograhie und Geologie, Julius-Maximilians-Universität Würzburg

    Prof. Dr. Bodo Damm, ISPA Institut, Universität Vechta (Pedochemie/Elementaranalyse)

    Dr. Maria Knipping, Universität Hohenheim

     

    Förderer

    Deutsche Forschungsgemeinschaft 2015-2018

     

    Literatur

    Beigel, R., von Heyking, K., Zwei Pfeile im Rücken – Ein Michelsberger Skelettfund aus dem Gipskarst bei Burgbernheim. Arch. Jahr Bayern 2012 (Stuttgart 2013) 25-27.

    Beigel, R., F. Falkenstein, M. Krech, M. Nadler, T. Sprafke, B. Terhorst. Posterpräsentation auf der 21. Jahrestagung des Mittel- und Ostdeutschen Verbandes für Altertumsforschung e.V. 2015.

    Krech, M., B. Terhorst, T. Sprafke, S. Meyer-Heintze, E. Solleiro-Rebolledo, M. Nadler, R. Beigel, F. Falkenstein, F. Wagner, Posterpräsentation auf der Jahrestagung des Arbeitskreises Geomorphologie in Jena 2016.

    Kriens, B., Viele Steine und ein Grab der jüngeren Bandkeramik – Neues aus den Dolinen von Marktbergel. Arch. Jahr Bayern 2012 (Stuttgart 2013) 13-15.

    Nadler, M., Archäologische Datierung der Karstphänomene. In: M. Reimann & H. Schmidt-Kaler, Der Steigerwald und sein Vorland. Wanderungen in die Erdgeschichte 13 (München 2002) 46-51.

    Nadler, M., F. Leja, Wasserkult oder Versenkungsopfer? – Ausgrabung eines Ponors im Gipskarst bei Ergersheim, Lkr. Neustadt Aisch / Bad Windsheim, Arch. Jahr Bayern 1994 (Stuttgart 1995) 62-66.

    Nadler, M., Landschaft als Artefakt. Natürliche und anthropogene Landschafts- und Reliefveränderungen vom Neolithikum bis zum Mittelalter – Beispiele aus Mittelfranken. Beiträge zur Archäologie in Mittelfranken 5/1999, 13-60.

    Solleiro, E., Krech, M., Terhorst, B. 2014: Archaeological evidences of a Neolithic to recent karstic landscapes in Marktbergel, Germany: first insights to the paleoenvironmental reconstruction and land use. EGU Geophysical Research Abstracts 16, EGU2014-12226.

     

    Kontakt

    Lehrstuhl für vor- und frühgeschichtliche Archäologie
    Residenzplatz 2, Tor A
    97070 Würzburg

    Tel.: +49 931 31-82801
    E-Mail

    Suche Ansprechpartner

    Residenzplatz 2